computergestützte Stimmungssysteme
Töne in reinen Intervallen haben ganzzahlige Frequenzverhältnisse (Oktave 2:1, Quinte 3:2, Quarte 4:3, große Terz 5:4, kleine Terz 6:5). Darum bilden ihre Obertöne im Zusammenklang keine Schwebungen aus. Bei dem Versuch, auf dem Klavier eine Tonleiter nur aus reinen Intervallen aufzubauen gerät man allerdings in Schwierigkeiten. In C-dur bräuchte man z.B. zwei verschiedene Tasten für d - je nachdem, ob der Ton als Quinte zu g dienen soll oder als Unterterz zu f, bzw. Unterquinte zu a. Im 16. Jahrhundert hat man tatsächlich Tasteninstrumente mit mehr als zwölf Tönen pro Oktave gebaut. Francisco de Salinas schlug 1577 eine neunzehnstufige Stimmung vor. Später versuchte man es auch mit bis zu 53 Tasten. Doch solche Instrumente waren schon allein wegen der spieltechnischen Schwierigkeiten nicht praktikabel. Außerdem musste der Spieler je nach harmonischem Zusammenhang die richtige Taste wählen, was eine genaue harmonische Analyse des zu spielenden Stückes voraussetzt.
Für einen menschlichen Spieler wäre all das eine Überforderung. Ein Computer aber kann helfen - zumindest bei elektronischen Klavieren. Er analysiert die harmonische Situation in Echtzeit und passt die Stimmung entsprechend an, so dass der Spieler bei den gewohnten zwölf Tasten bleiben kann. Diese variable Stimmung berücksichtigt über 50 Feinabstimmungen pro Note. Der Computer simuliert also die Regulierungen, die Sänger, Streicher und Bläser schon lange anwenden und stimmt die Terzen und Quinten zu hoher Reinheit. Natürlich muss auch das Computerprogramm Kompromisse eingehen. Z.B. sollten liegen bleibende Töne ihre Tonhöhe nicht merkbar verändern und die Gesamtstimmung soll nicht absacken. Schon in einer einfachen I-IV-II-V-I Kadenz fiele man um einen fünftel Halbton, wollte man alle Intervalle rein intonieren! In kritischen Fällen werden die Umstimmungen darum auf Kosten der Reinheit klein gehalten. Der Hobbyfagottist Werner Mohrlok aus Trossingen hat 1988 ein solches System erfunden. Sein Sohn Herwig hat es programmiert. Auf ihrer Website www.hermode.de geben sie eine Übersicht über traditionelle und programmgesteuerte Stimmungen, sowie einige Klangbeispiele, die den Unterschied zwischen gleichstufig temperierter und variabler Stimmung an kurzen Musikausschnitten veranschaulichen.
Christof Weitenberg
Letztes Update 09.09.2007 | Copyright© Johannes Voit 2006 |

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