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Einstein für Musiker

von Christof Weitenberg

Einst fragten wir uns, wer wohl der berühmteste Geiger sei: Paganini, Joachim, Kreisler, Heifetz? „Einstein“, meint ein Informatiker und hat damit vielleicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Albert Einstein, der vor 50 Jahren verstarb, ist nicht nur der bekannteste Physiker des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Mensch eine Legende. Und es ist allgemein bekannt, dass er gerne Geige spielte. In den 20er Jahren kursierte in Berlin das Bonmot, Professor Einstein sei nie ohne seinen Geigenkasten in der Akademie der Wissenschaften erschienen. Doch verdient Einstein Berühmtheit als Geiger? Hätte er wirklich zur Beruhigung die Kreutzersonate heruntergefiedelt, wie es Friedrich Dürrenmatt in „Die Physiker“ suggeriert?

Wohl kaum. Zum einen hielt er es wie Goethe: schon Beethoven war ihm zu modern. Er mochte Bach, Mozart und einige frühe Italiener und Engländer. Zum andern verraten uns Zeitgenossen, dass sich seine Genialität nicht unbedingt auf die Geige erstreckte. Brigitte B. Fischer, mit der er häufig musizierte, sagt: „Über Einsteins Geigenspiel ist viel geredet worden. Ich fand, dass er sehr musikalisch, jedoch kein guter Techniker war. Er hatte keinen wirklich großen Ton, sondern spielte eben wie ein guter Dilettant.“ Der Geiger Walter Friedrich äußert sich noch rigoroser: „Einstein hatte einen Strich wie ein Holzfäller.“ Trotzdem ist Einstein auch öffentlich als Geiger aufgetreten. Wohl aus Liebe zur Musik und da er stets bereit war, seine Berühmtheit für gute Zwecke, etwa auch Benefizkonzerte, einzusetzen.

Ein direkter Einfluss Einsteins auf die Musik ist indessen schwer nachzuweisen. Zwar verkehrte Einstein auch mit den musikalischen Größen seiner Zeit, doch interessierte er sich nicht für moderne Musik. Im erhaltenen Briefwechsel mit Arnold Schönberg etwa geht es neben privaten Anfragen mehr um die Diskussion über die Aufrichtung eines zukünftigen jüdischen Staates. Dort wo Einstein als Physiker zitiert wird, wird er oft falsch verstanden. Die viel beschworene vierte Dimension etwa ist keine mysteriöse zusätzliche Raumdimension, die irgendwie unserer Wahrnehmung entgangen ist, sondern die altbekannte Zeit. Die Relativitätstheorie fasst die drei Raum-Dimensionen und die Zeit zum vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum zusammen, da man Raum und Zeit nicht getrennt betrachten kann. Sie sind durch die Existenz einer ausgezeichneten Geschwindigkeit, der Vakuum-Lichtgeschwindigkeit, gekoppelt. Davon merkt auch schon der Satellit etwas, der mit 4 km/s um die Erde flitzt. Seine Uhren gehen von der Erde aus betrachtet pro Tag um 7,7 Millionstel-Sekunden nach - eine Zeit in der das Licht immerhin 2,3 km zurücklegt. Wenn eine physikalische Theorie davon spricht, dass die Zeit und der Raum relativ seien - wie es die Relativitätstheorie tatsächlich tut - so meint sie das in einem sehr objektiven Sinne. Obwohl Einstein selbst einmal scherzte, dass eine Minute auf einer heißen Herdplatte zu sitzen einem länger vorkommt, als eine Stunde, die man mit einem heißen Mädchen verbringt, beschäftigt sich die Relativitätstheorie natürlich nicht mit unserer subjektiven Zeitwahrnehmung.

Wo aber haben denn Naturwissenschaft und Musik einander beeinflusst? Wagen wir einen kleinen Streifzug durch die Musikgeschichte: Zunächst einmal hat sich unser Zeitempfinden mit dem technischen Fortschritt gewandelt. Die Musik von Leonin und Perotin geht sicher ganz anders mit Zeit um als die heutige und manch einer mag sie gar langatmig und ereignislos nennen. Dann war die Erfindung der irrationalen Zahlen nötig, um unsere heutige temperierte Stimmung theoretisch zu begründen. Ein temperierter Halbtonschritt hat das Frequenzverhältnis 12√2 : 1 = 1,059463… : 1 eine irrationale Zahl, d.h. eine Zahl, die nicht durch einen Bruch darstellbar ist! Das hätte Pythagoras, der das erste Tonsystem erfand, gar nicht gefallen. Denn er glaubte, dass alles in der Welt durch ganzzahlige Verhältnisse ausgedrückt werden könne: „Alles ist Zahl“.

Pythagoras (6. Jh. v. Chr.) hat sein Tonsystem aus praktischen Versuchen über das Verhältnis von Saitenlänge und Tonhöhe am Monochord abgeleitet, einem primitiven Instrument mit nur einer Saite und einem verschiebbaren Steg darunter. Damit ist die Akustik vielleicht die älteste Experimentalwissenschaft der Welt!

Und hier darf sich vielleicht auch die Musik rühmen, einen gewissen Einfluss auf die Naturwissenschaft gehabt zu haben. Denn die moderne Physik beginnt eigentlich erst mit Galileo Galilei, der im 17. Jahrhundert Experimente durchführte, um seine Fallgesetze zu finden. Im Mittelalter wie in der Antike beschränkte sich die Naturphilosophie auf die passive Beobachtung und Beschreibung der Natur. Und Galilei musste sich gegen die Anfeindungen der aristotelischen Philosophen seiner Zeit behaupten, die die Autorität des Aristoteles über die Messungen stellten. Dies kommt wunderbar überspitzt in Bertold Brechts Schauspiel „Leben des Galilei“ zum Ausdruck, wenn sich die Philosophen weigern, überhaupt durch Galileis Fernrohr zu schauen und stattdessen einen Disput über die Möglichkeit und Nötigkeit der von Galilei entdeckten Gestirne führen. Die Musik war hier schon im Mittelalter weiter, da in der Musik das Messen direkte praktische Anwendungen hatte. So erfanden die Musiker mit den Notenlinien, die in der Horizontalen von links nach rechts den Verlauf der Zeit und in der Vertikalen die zugeordnete Tonhöhe angeben, schon im 11. Jahrhundert den ersten Graphen. Ein Werkzeug, das erst im 18. Jahrhundert in der Physik eingesetzt wurde, heute aber wohl jedes Schulkind plagt. Eine Erfindung der Musiker!

Einer der Wesenszüge der abendländischen Musiktradition ist das Hand-in-Hand-Gehen von Theorie und Praxis. Darin liegt auch eine kulturgeschichtliche Bedeutung der Musik. Eine uralte philosophische Frage ist die nach der Natur des Raumes und der Zeit. Hier mag vielleicht auch die jeweilige Musik unterbewusst Einfluss gehabt haben: Der Gregorianische Choral kennt kein Metrum. Die Töne passen sich der Sprachrhythmik an, die jeder Silbe die Zeit gibt, die sie braucht. Die Notendauern sind nicht Vielfache eines Grundschlages. Gregorianischer Gesang ist das beste Beispiel für Zeit, die einzig durch ihren Inhalt gemessen wird. Im heutigen Musikverständnis hingegen legen das Metrum und der Takt bereits die Zeiteinteilung fest, bevor überhaupt eine Note erklungen ist.

Mit der Frage, ob Raum und Zeit auch ohne Inhalt existieren, hat sich auch Einstein beschäftigt. Seine Antwort war: „Früher hat man geglaubt, wenn alle Dinge aus der Welt verschwinden, so bleiben noch Raum und Zeit übrig; nach der Relativitätstheorie verschwinden aber Zeit und Raum mit den Dingen“. Nach den Feldgleichungen seiner allgemeinen Relativitätstheorie sind es nämlich die Dinge, bzw. die vorhandene Masse und Energie (die ja nach der berühmten Formel E=mc2 äquivalent sind), die die Struktur der Raumzeit erzeugen. Gäbe es keine Dinge, so gäbe es also auch keine Raumzeit.

Was allerdings mit der Musik geschähe, dazu hat sich Einstein nicht geäußert. Aber heißt es nicht so schön: Himmel und Erde müssen vergehn, aber die Musica bleibet bestehn?


Erschienen in: alla breve, Magazin der Hochschule für Musik Saar, 10.Jahrgang Nr.2, Oktober 2005, S.11/12.

Letztes Update 06.08.2007 | CopyrightŠ Johannes Voit 2006 | Seite drucken: Einstein für Musiker | Seite einem Freund senden: Einstein für Musiker

 

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