Macht uns Mozart wirklich schlauer?
Einige Gedanken zum "Mozart-Effekt" von Christof Weitenberg
„Niemand bezweifelt, dass das Hören von Musik in sehr frühem Alter das raumzeitliche Denken, das der Mathematik, der Technik und sogar dem Schach zugrunde liegt, beeinflusst.“ So Zell Miller, der Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates Georgia, als er am 13. Januar 1998 erklärte, das neue Budget seines Staates würde jährlich 105.000 Dollar dafür bereit stellen, den Eltern eines jeden neugeborenen Kindes eine CD mit klassischer Musik zu schenken. In Tennessee gab es ein ähnliches Programm. Florida verpflichtete 1999 seine Kindergärten, jeden Tag eine halbe Stunde Musik zu spielen. Woher kommt dieser Aktionismus? Auf welchen Zug sind die Politiker da aufgesprungen? Die Behauptung, das Hören von klassischer Musik steigere die Intelligenz, wird als „Mozart-Effekt“ bezeichnet. Sie geht zurück auf eine Veröffentlichung (Nature, Vol. 365 (1993): 611), in der Frances H. Rauscher und Gordon L. Shaw über eine Studie an 36 College-Studenten berichten. Anhand von Papierfalt- und Schneide-Aufgaben aus dem Stanford-Binet IQ-Test wurde das räumliche Vorstellungsvermögen der Teilnehmer gemessen. Nach dem Hören der Sonate für zwei Klaviere in D-dur, Kv. 448 stieg der IQ für etwa eine Viertelstunde um 8-9 Punkte.
Die Studie ist seitdem mehrfach wiederholt worden, so etwa von Kenneth Steel (Psychological Science 1999, Vol. 10, S. 366-369). Die Ergebnisse konnten aber nicht reproduziert werden. Trotz der mageren wissenschaftlichen Basis wurde die Geschichte von den Medien aufgegriffen. Wie der Schweizer Psychologe Adrian Bangerter herausfand, vor allem in den US-Bundesstaaten mit den schwächeren Bildungssystemen. Dabei wurde der ursprüngliche Befund immer mehr ausgeweitet: den kurzfristigen Effekt ließ man unter den Tisch fallen und die positiven Wirkungen behauptete man alsbald nicht nur für College-Studenten, sondern auch für Kinder und Babies, ohne dass entsprechende Studien je durchgeführt worden wären.
Es blieb nicht nur bei der vermuteten Wirkung auf die Intelligenz: auch Auswirkungen auf die Gesundheit wurden unter dem Label Mozart-Effekt kolportiert. So berichtete BBC online im April 2001, dass das Hören besagter Mozartsonate „epileptische Anfälle vermindern könne“ („Mozart can cut epilepsy“). Don Campbell ließ sich den Namen „Mozart effect“ sogar patentieren und geht nun damit unter www.mozarteffect.com auf Kundenfang. Kein Wunder, dass nun bald auch die Behauptung auftauchte, Kühe gäben mehr Milch, wenn sie Mozart hörten. Ein Winzer in der Toskana spielt sogar seinen Weinreben Mozart vor, wie der „Spiegel“ unlängst berichtete.
Die Erkenntnis vom Einfluss der Musik auf unsere Gefühle und Stimmungen ist uralt. Jeder kennt Musik, zu der er tanzen muss und solche, zu der er sich entspannen kann. Schon Platon hatte sehr genaue Vorstellungen von der Wirkung der Musik. Er ordnet jeder Tonart einen Charakter zu. So sind die mixolydische und syntonolydische Tonart klagend und jammernd, die ionischen und lydischen weichlich und schlaff. Die dorische und phrygische Tonart dagegen sind aufrüttelnd und mild und darum eignen nur sie sich für die Erziehung der Wächter seines Idealstaates zu kriegerischen Männern (die Benennung der Tonarten entspricht nicht der der mittelalterlichen Kirchentonarten). Auch von den Rhythmen will er nicht alle zulassen, weil er überzeugt ist, dass „gute und schlechte Haltung eine Folge von gutem oder schlechtem Rhythmus“ sei. Einerseits verleihen Rhythmus und Harmonie der Seele edle Haltung, andererseits „ergeben sich guter Inhalt und schöne Melodie, edle Haltung und guter Rhythmus aus der ‚Gutartigkeit‘“.
Der Mozart-Effekt kann sich aber nicht nur auf die altbekannte emotionale Wirkung von Musik berufen, sondern hat auch die Berühmtheit Mozart auf seiner Seite. Bei allem was man von seinem Leben weiß, bleibt uns Mozart doch geheimnisvoll und ungreifbar. Die widersprüchliche Person, das rauschhafte Leben und der frühe Tod stilisieren das Genie zum modernen Helden. Es ist sicher kein Zufall, dass Rauscher und Shaw seinerzeit für ihre Untersuchungen eine Sonate von Mozart ausgewählt haben (warum aber ausgerechnet diese, ist schleierhaft). Daraus zu folgern, nur Mozarts Musik zeitige den Effekt (wenn es ihn überhaupt gibt), stellt Mozart als Magier dar. Und es rückt die Erklärung ins Mystische und damit Unüberprüfbare. Oder hätten die Testpersonen den Unterschied zu einer Haydn-Sonate gehört? Tatsächlich wurden auch mit anderer Musik aus Klassik und Pop Untersuchungen angestellt und ähnliche magere Ergebnisse erzielt. Das Vorlesen einer Geschichte erwies im Übrigen nach einer Untersuchung von 1999 (Nantais, Schellenberg) den gleichen Effekt – vor allem bei denjenigen, denen die Geschichte gut gefiel.
Im Januar 2005 beschloss die Londoner Untergrundbahn, 35 Stationen mit klassischer Musik - darunter auch Mozart - zu beschallen. Ein 18-monatiger Test an vier Stationen hatte ergeben, dass die körperlichen und verbalen Angriffe durch Jugendliche um 33% abgenommen hatten. Wunderbare Macht der Musik? Jan Assman etwa beginnt mit diesem Argument sein schönes Buch über die Zauberflöte. Die Untergrundbahn-Betreiberfirma Metronet bietet eine weit nüchternere Deutung: „Die Musik hat die Anzahl herumhängender Jugendlicher in den Stationen reduziert, vermutlich weil es für sie ‚uncool’ ist, in der Nähe dieser Musik zu sein.“
Was auch immer zukünftige Untersuchungen ergeben werden: Mozart kann es ziemlich gleichgültig sein und seine einzigartige Musik wird die Zeiten überdauern – ob wir nun davon klüger werden oder nicht. Und wir sollten es vielleicht dabei belassen, Musik einfach um ihrer selbst willen zu hören.
Erschienen in: alla breve, Magazin der Hochschule für Musik Saar, 11. Jahrgang, Nr.1, April 2006, S.29/30. Die Wiedergabe erfolgt auszugsweise.
Letztes Update 06.08.2007 | CopyrightŠ Johannes Voit 2006 |

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