Komponistenforum - plattform für neue musik
DeutschEnglish
 
StartseiteAktuellesÜbersichtKontaktImpressumMitgliederbereich

Suche:

Komponisten
Simon Barber
Ralf Bauer
Ralf Berlage
Wendelin Bitzan
Peter Michael Braun
Markus Brylka
Thomas Buchholz
Max Doehlemann
Matthias Drude
Patrick Ehrich
Veit Erdmann-Abele
Jorge García del
Valle Méndez
Ekkehard Götz
Fabio Grasso
Steven Heelein
Rainer Hilgers
Erik Janson
Friedrich Heinrich Kern
David Kosviner
Peter Köszeghy
Markus W. Kropp
Michael Krücker
Jan F. Kurth
Daniel Menna
Henry Mex
Peter Motzkus
Marius Müller
Gerhard Noetzel
Daniel Osorio
Christoph Pola
Agnes Ponizil
Tobias Eduard Schick
Michael Starke
Steel Stylianou
Andreas Tsiartas
Hakan Ulus
Jakob M. von Verschuer
Johannes Sebastian Voit
Christof Weitenberg
Nikola Lea Wulz
Dafina S. Zeqiri
Khadija Zeynalova
diese Seite wurde erstellt mit fastpublish CMS - Content Management System

Neue Musik als offenes Kunstwerk

von Johannes Voit

Im Lauf des 20. Jahrhunderts gelangten die Kontextabhängigkeit eines Kunstwerks und seine Interaktion mit dem Publikum zunehmend ins Blickfeld der Kunstschaffenden. Marcel Duchamps Flaschentrockner („Bottle Rack“, 1914) oder Andy Warhols Topfreinigerkisten („Brillo Boxes“, 1964) erlangten den Status eines Kunstwerks sogar erst dadurch, dass sie in einen neuen Kontext gestellt wurden. Seit den sechziger Jahren gewann dieses kommunikative Moment von Kunst dann zunehmend an Bedeutung und drang unter anderem durch Umberto Ecos Buch „Opera aperta“ (1962) ins allgemeine Bewusstsein. Damit wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass ein Kunstwerk in jedem Betrachter andere Assoziationen und Wirkungen auslösen kann – abhängig vom Ausstellungs- beziehungsweise Aufführungskontext und von Vorbildung und Disposition des jeweiligen Betrachters. Rezeption wird also nicht als passiver, sondern als durchaus schöpferischer Vorgang aufgefasst. Duchamp sprach in diesem Zusammenhang von einer Vervollständigung des Kunstwerks durch den Betrachter (Vgl. la Motte-Haber, S. 35).

Das Konzept eines prinzipiell offenen Werks, das in verändertem Kontext immer neue Facetten zeigt, wurde auch auf Musik angewandt. So beobachtete bereits Busoni, dass ein Stück bei jeder Aufführung anders klingt – und dadurch auch anders wirkt. Darüber hinaus betonte er die aktive Rolle des Hörers, indem er feststellte, „daß, um ein Kunstwerk zu empfangen, die halbe Arbeit an demselben vom Empfänger selbst verrichtet werden muß“ (Busoni, S. 22). Auch der Komponist Wolfgang Rihm weiß, dass „eine Musik jeden Moment etwas anderes von sich zeigt“. Damit die erklingenden Töne Musik werden, braucht es „einen glücklichen Zeitpunkt, den Augenblick, wo es geschieht. Wie oft erleben wir in einem Konzert, daß Musik zwar sehr gut gespielt wird, aber verschwindet, weil das Auditorium sie nicht wahrnimmt, ihr nicht entgegenhört“ (Rihm, S. 232). Wenn sich Musik also nur im Dialog mit dem Hörer vollzieht, bedeutet dies, dass das Gelingen dieser Kommunikation nicht nur vom Kunstwerk selbst, sondern maßgeblich auch vom Rezipienten abhängt. Diese Erkenntnis stellt den Hörer vor eine große Verantwortung, weil er selbst gezwungen ist, eine Beziehung zur Musik aufzubauen. Da jeder Hörer aufgrund seiner persönlichen Lebens- und Hörerfahrung andere Anknüpfungsmöglichkeiten an ein bestimmtes Stück hat, kann er sich auch nicht auf vorgefertigte Deutungen und Interpretationen anderer stützen – er ist auf sich selbst gestellt. Bei Neuer Musik sind diese Anforderungen an den Rezipienten noch ungleich höher. Während es bei älterer Musik Anhaltspunkte gibt, die dem Hörer helfen, das Gehörte einzuordnen (bekannte Formschemata, ein klares harmonisches und metrisches System, traditionelle Aufführungspraxis etc.), so fehlen diese Orientierungshilfen bei zeitgenössischen Kompositionen meist: Dem Hörer bleibt nichts als seine eigene Wahrnehmung, um eine Beziehung zu einem solchen Musikstück aufzubauen. Besonders deutlich wird diese Situation bei Aufführungen elektronischer Musik. Karlheinz Stockhausen dunkelt bei solchen Konzerten beispielsweise den Saal fast vollständig ab, mit dem Hinweis, dass es eh nichts zu sehen gäbe. Hier wird dem Konzertbesucher, der weder die Schallquelle noch seinen Nachbarn sehen kann, klar, dass er sich ausschließlich auf sein Gehör verlassen kann. So überrascht es nicht, wenn so mancher Hörer sich angesichts dieser Eigenverantwortlichkeit des Hörens überfordert sieht.

Literatur

Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. Wiesbaden 1954.

Eco, Umberto: Das offene Kunstwerk. Aus d. Ital. v. Günter Memmert. Frankfurt a. M. 1977.

La Motte-Haber, Helga de: Der einkomponierte Hörer. In: Dies. / Reinhard Kopiez (Hrsg.): Der Hörer als Interpret. Frankfurt a. M. 1995, S. 35-41.

Rihm, Wolfgang: Kunst entsteht aus Zweifel. Gespräch mit Bas van Putten (1995). In: Ders: Ausgesprochen. Schriften und Gespräche (2 Bde.). Hrsg. v. Ulrich Mosch. Winterthur 1997. Bd. 2, S. 232-248.




Letztes Update 15.07.2006 | CopyrightŠ Johannes Voit 2006 | Seite drucken: Neue Musik als offenes Kunstwerk | Seite einem Freund senden: Neue Musik als offenes Kunstwerk

 

    Forum

 

    Informationsportal Neue Musik


    Servicebereich





  Statistik:
 
online:  0
heute:  14
gestern:  57
gesamt:  110824