Neue Musik erleben und gestalten

Ein Response-Projekt zur Vermittlung Neuer Musik an Dresdner Schulen

"Neue Musik erleben und gestalten" ist Teil des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Verbundprojekts Klangnetz Dresden und wurde erstmals 2007/08 vom Institut für Neue Musik der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden durchgeführt. Die Initiatoren möchten mit diesem Projekt neue Impulse für die Vermittlung von Neuer Musik an Mittelschulen und Gymnasien im Raum Dresden setzen. MusiklehrerInnen können mit Schulklassen ab Jahrgangsstufe 5 bei dem Projekt mitmachen.

Bei diesem Projekt arbeiten SchülerInnen mit professionellen Komponisten der Neuen Musikszene zusammen. Bei einem gemeinsamen Konzertbesuch lernen sie ausgewählte zeitgenössische Kompositionen kennen, bevor sie unter Anleitung „ihres“ Komponisten eigene Stücke in zeitgemäßer Tonsprache entwickeln. Bei einer Abschlussveranstaltung erhalten alle Teilnehmer die Gelegenheit, ihre Kompositionen in einem ansprechenden Rahmen aufzuführen.

Ebenfalls mit eingebunden sind Schulmusikstudierende der Musikhochschule Dresden, die eigens auf den Einsatz in diesem Projekt vorbereitet werden; zu diesem Zweck wurde im Wintersemester 2007/08 das Seminar „Neue Musik - kompositorische Stationen und didaktische Perspektiven“ angeboten. Auf diese Weise führt das Projekt SchülerInnen, LehramtsanwärterInnen und KomponistInnen zusammen und regt so einen wichtigen Austausch zwischen Lernenden, Lehrenden und Kunstschaffenden an. Die folgenden Berichte stammen von Studierenden der Fachrichtung Schulmusik, die beim ersten Projektdurchlauf 2007/2008 mitgewirkt haben.

Johannes Voit, Projektleiter

 

Sanubaja

Da sitzen sie nun, die 24 Schülerinnen und Schüler der Kurfürst-Moritz-Schule Boxdorf/Moritzburg auf der Bühne der Hochschulaula. Man kann nur erraten, ob und wie stark sie aufgeregt sind. Ich würde ihren Gesichtsausdruck mit „fröhlicher Konzentration“ beschreiben. Es ist wirklich bemerkenswert, was die Schüler/innen einer fünften Klasse auf die Beine gestellt haben – und das, ohne viel Ahnung von moderner Musik zu haben – oder gerade deswegen?

SchülerInnen der fünften Klasse aus Boxdorf bei der Generalprobe für "Sanubaja". Foto: Johannes VoitWir drehen die Zeit zurück: als ich erfuhr, dass meine Projektklasse ein durchschnittliches Alter von 11 Jahren hat, war ich schon skeptisch, was da alles zustande kommen soll. Kann man denn ohne Noten komponieren? Wie reagieren die Kinder auf die Musik? Was soll ich denn mit denen machen? Bei meiner ersten Hospitation in Boxdorf war ich von der technischen Ausstattung beeindruckt – in kleinen Modulen einer Software lernten die Schüler am Computer die Notenwerte, Rhythmus und andere Basiselemente von Musik spielerisch. Und ist denn Musiktheorie für so genannte „Neue Musik“ überhaupt von Nöten? Am 16. Januar 2008 war dann das Short-Concert in der Hochschule der erste Kontakt zwischen den Fünftklässlern und Neuer Musik, genauer mit Morton Feldmans Stück „Why Patterns“. In einem Vorgespräch mit dem Musiklehrer Herrn Vogel und dem Komponisten Carsten Hennig hielten wir es für günstig, die Kinder zu der gehörten Musik im Konzert malen zu lassen. So konnten sie die Musik imtuitiv in eine Bildsprache umsetzen und Emotionen, die sich beim Hören ergaben, ausdrücken. Nun ja, aber das Bild ist noch keine Komposition – wie also weiter?

Wir entschieden uns, zu den Bildmotiven aus den Schülerzeichnungen entsprechende Musikmotive zu suchen. In einer Musikstunde wurden dazu aus jedem Bild verschiedene Motive herausgefiltert und willkürlich auf einer langen Tapetenrolle aufgeklebt. Durch die Verbindung von gleichen oder ähnlichen Motiven ergaben sich zeitliche Abfolgen, die mit Farbstiften in der „Partitur“ sichtbar gemacht wurden. Darauf sollte jedes Bildmotiv eine klangliche Entsprechung finden. Die Schüler/innen hatten dann die Qual der Wahl bei den Instrumenten: neben Schlagwerk, Klavier, Gitarre oder Saxophon gab es auch ausgefallene Klangerzeuger wie Klangschale, Ball und Plastiktüte. Es galt nun die Partitur abzuschreiten, um das Tempo des Stückes für die Schüler klarzumachen – die Bildmotivverbindungen fungierten nun als Einsatz (Beginn des Motivs), Pause (Unterbrechung des Motivs) oder Ende (Schluss des Motivs). In weiteren Unterrichtsstunden wurden dann die Klänge und Geräusche ausdifferenziert. „Was kann man aus einem Ball alles herausholen?“ „Wie werde ich schneller – langsamer, lauter – leiser?“ Mit jeder Unterrichtsstunde verbesserte sich das Aufeinanderhören der Schüler während des Musizierens, so dass das Stück rasch an Struktur und Form gewann. Die ca. 10 Minuten dauernde Komposition wurde in einer der letzten Stunden in vier Abschnitte untergliedert (In Ruhe – In Harmonie – In Gewirr – In Bewegung), wobei der Beginn eines neuen Abschnitts durch die Klangschale „eingeläutet“ wurde. In den Abschnitten wurden dann zusätzlich noch bestimmende Instrumente hervorgehoben, z.B. Schlagwerk, Klavier, Saxophon oder die Bälle. Mit jeder weiteren Arbeitsstunde gewann das Stück an Dynamik und reifte bei allen Beteiligten zu einer fesselnden Komposition.

Und nun? Ja, nun verhallt das letzte Geräusch eines springenden Flummi und der letzte Schüler verlässt lautlos und hochkonzentriert die Bühne der Musikhochschule, indem er mit einer Feder langsam über den Arm streicht – kurze Pause, darauf viel Applaus.

Konrad Preuss


Zeitgenössische Komposition meets türkische Perkussion

Am Hülße-Gymnasium in Dresden-Reick bewegte sich das Projekt „Neue Musik erleben und gestalten“ im Spannungsfeld von zeitgenössischer Komposition und traditioneller türkischer Perkussion. Als studentischer „Mitarbeiter“ begleitete ich einen Musik-Grundkurs der 11. Jahrgangsstufe und die unterrichtende Musiklehrerin Siegrid Unger zunächst zum Besuch eines Konzertes aus der Reihe „Global Ear“, das mit dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer sowie dem Duo Nora Thiele (Perkussion) und Nevzat Akpinar (Langhalslaute) so unterschiedliche Stilistiken wie Free Jazz, traditionelle türkische Musik und zeitgenössische westliche Musik in einem Programm zusammen brachte.

Schülerinnen des GK 11 des Hülße-Gymnasiums bei der Generalprobe. Foto: Johannes VoitAusgehend von diesem kreativen Impuls erfolgte dann die Arbeit in der Schule, die hier zunächst in der praktischen Auseinandersetzung mit den Besonderheiten türkischer Folklore bestand. Im Mittelpunkt standen dabei rhythmisch-metrische Erscheinungen, die durch gemeinsames Musizieren unter der professionellen Anleitung Nora Thieles erarbeitet wurden, wobei auch improvisative und humorvoll-spielerische Zugänge einbezogen wurden und es gelang, das im Konzert Gehörte für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar und persönlich erfahrbar zu machen. Die in diesem Projektabschnitt von den Schülern gewonnenen Kenntnisse, Fertigkeiten und Denkansätze wurden dann in der sich anschließenden Kompositionsphase auf ganz neue Art sicht- und hörbar: Von vielen der Schülergruppen wurden Perkussionsinstrumente als Ausgangspunkt ihres gestalterischen Probierens und Planens gewählt, und metrische Gesichtspunkte blieben ebenso wie improvisative Musizierweisen im gesamten Arbeitsprozess gegenwärtig. Hinzu traten im weiteren Verlauf bei einigen Gruppen geräuschhafte Elemente, die von den betreffenden Schülerinnen und Schülern in Anknüpfung an die Free Jazz-Passagen des eingangs besuchten Konzertes sowie im Rückgriff auf Anregungen entwickelt wurden, die durch die Musiklehrerin sowie von meiner Seite gegeben worden waren.

Der Arbeitsprozess an den Kompositionen gestaltete sich natürlicherweise nicht zu jedem Zeitpunkt und nicht bei allen Schülergruppen durchweg befriedigend und zielführend, so dass sich mit fortschreitender Projektdauer bei manchen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch Zweifel und Unlust zeigten. Ganz überwiegend bewirkte jedoch gegen Ende die Aussicht auf das immer näher rückende Abschlusskonzert in der Musikhochschule noch einmal enorme Motivationssteigerungen, so dass in den letzten Arbeitssitzungen eine Reihe sehr unterschiedlicher, auf jeweils ganz eigene Weise äußerst ansprechender Musikkreationen fertig gestellt werden konnte.

Die erarbeiteten Stücke wurden zunächst im Rahmen des Musikunterrichts vor- und schließlich in der Musikhochschule erfolgreich aufgeführt. Zusätzlich zu dem Erlebnis des eigenen Auftritts bereicherte das Abschlusskonzert die Schülerinnen und Schüler auch um die Kenntnis der Arbeitsergebnisse der übrigen am Projekt teilnehmenden Klassen und Kurse und zeigte damit weitere Möglichkeiten zeitgenössischen Komponierens und Musizierens auf. Eine äußerst positive Bilanz des Projekts zieht auch der Bericht einer Schülerinnen auf der Homepage des Hülße-Gymnasiums. Darin heißt es u.a.: „In diesem gesamten Projekt haben wir viel gelernt und es hat uns viel Freude sowie Spaß bereitet und für uns war der Auftritt in der Musikhochschule ein voller Erfolg."

Konrad Sziedat


Wilfried Krätzschmar zu Besuch im Landesgymnasium für Musik

Wilfried Krätzschmar im Gespräch mit einer Schülerin. Foto: Uwe WitzelDie elfte Klasse des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik Dresden arbeitete während des Projektes „Neue Musik erleben und gestalten“ mit dem Komponisten Prof. Wilfried Krätzschmar zusammen. Der Dresdner Komponist stimmte die Schülerinnen und Schüler in einem Vortrag über sein eigenes Komponieren in das Thema ein. Dabei stellte er verschiedene Ansätze für den Beginn eines Kompositionsprozesses dar; demnach müssen dem Komponisten vor der eigentlichen Arbeit am neuen Werk bestimmte Vorstellungen wie zum Beispiel Werkbesetzung, eventuell vorhandene programmatische Züge oder musikalische Grundstrukturen bewusst sein. Bei einem Gesprächskonzert in der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden wurden den Schülerinnen und Schülern in der darauffolgenden Woche Beispiele aus dem kammermusikalischen Schaffen Krätzschmars vorgestellt.

Mit diesen Erfahrungen war es nun Aufgabe der SchülerInnen, ein eigenes Werk zu komponieren und zur Aufführung zu bringen. Dabei wurde es ihnen freigestellt, allein, mit einem Partner oder in Kleingruppen zu arbeiten. Auch zu den zu komponierenden Werken wurden keinerlei stilistische Vorgaben gemacht. Allerdings musste bei der Besetzungsauswahl auf die Durchführbarkeit geachtet werden. Die Einstellungen zur Projektarbeit waren sehr unterschiedlich. Einige SchülerInnen hatten von Anfang an konkrete Vorstellungen von ihrem Werk und brauchten deshalb auch relativ wenig Unterstützung, andere hatten zwar Lust zu komponieren, ihnen fehlte allerdings die Idee. Einige wenige waren überhaupt nicht für das Projekt zu gewinnen. Da die Kompositionsarbeit den SchülerInnen von vornherein freigestellt wurde, bekamen diese stattdessen die Möglichkeit, eine Werkanalyse zu schreiben.

Schüler des Landesgymnasiums bei der Generalprobe. Foto: Johannes VoitElf Wochen lang arbeiteten die Schülerinnen und Schüler weitgehend selbstständig. Dies war nur durch die umfassenden musikalischen Grundvoraussetzungen am Landesgymnasium für Musik möglich. Während des gesamten Projekts stand Wilfried Krätzschmar den SchülerInnen bei regelmäßigen Konsultationen zur Verfügung. Unterstützt wurde er dabei vom verantwortlichen Musiklehrer Uwe Witzel. Entsprechend den relativ freien Vorgaben entstanden in Form, Gattung und Besetzung sehr unterschiedliche Werke: Von Solowerken für Bratsche bis hin zum sinfonischen Blechbläser-Schlagwerk-Konglomerat deckten die Schülerinnen und Schüler ein breites Spektrum ab.

Bei einer Voraufführung, bei der allerdings noch nicht alle Werke fertig waren, wurde innerhalb des Klassenverbandes entschieden, welche Kompositionen im späteren Konzert zu Gehör gebracht werden sollten. Diese Auswahl war nötig, da die vielen Projekte den Zeitrahmen eines Konzertes gesprengt hätten. Zum Schluss fand – als besonderer Höhepunkt für alle Beteiligten – das Konzert im Kleinen Saal der Hochschule für Musik Dresden statt, bei dem die ausgewählten Werke zusammen mit Kompositionen aus den beiden anderen Projektklassen dem Publikum vorgestellt wurden.

Aglaia Dahmen und Uwe Ulbrich





Aktuelle Informationen und ein Anmeldeformular finden Sie hier:

www.neue-musik-vermitteln.de





Letztes Update 15.07.2009 | Copyright© Johannes Voit 2006 | Seite drucken: Neue Musik erleben und gestalten | Seite einem Freund senden: Neue Musik erleben und gestalten

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