![]() | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Wir bespielen einen Ortvon Kirsten Reese und Friederike KohnIm Vorfeld meines Besuchs in den Schulen hatte ich den Lehrern Material für den Unterricht geschickt. Es handelte sich um Dokumentationsmaterial, Texte und Audio-CDs zu Klanginstallationen und Soundscapes von mir und anderen Komponistinnen und Komponisten. Diese wurden im Unterricht angehört und besprochen, so dass die Schülerinnen und Schüler schon eine Vorstellung von aktuellen Klanginstallationen und von meiner Arbeit als Komponistin hatten, bevor ich das erste Mal in den Unterricht kam. Die Projekte begannen dann mit einer gegenseitigen Vorstellung: Ich erzählte von meinem Werdegang (denn viele Schüler interessierte die Frage, wie man überhaupt Komponistin wird), und die Schüler teilten mir ihre musikalischen Vorerfahrungen und ihre Erwartungen an das Projekt mit.
Einzelne identifizierten sich mit den von ihnen aufgenommenen Geräuschen: man hatte sich vorgestellt, wie sie klingen würden - sie real gehört - und erlebte nun, wie (anders) sie aufgezeichnet klangen. Es folgte eine intensivere Einführung in ein ausgewähltes Schnitt- und Bearbeitungsprogramm. Dabei wurden auch die verschiedenen Arbeitsschritte beim Komponieren thematisiert: Idee - klangliches Ausgangsmaterial (z.B. O-Tonaufnahmen) - Klangbearbeitung und -verfremdung – Schneiden/Arrangieren, »Komponieren« - Aufführungssituation (wobei auch diskutiert wurde, dass diese Elemente nicht immer linear aufeinander folgen, sondern sich gegenseitig beeinflussen und bedingen). Zu den einzelnen Arbeitsschritten gehören auch die technischen Komponenten: Mikrofon – Audiointerface/Audiokarte - Computer - Software - Speichermedium - Abspielgerät - Verstärker - Lautsprecher usw. Die Schüler entwickelten Ideen für eigene Stücke und für mögliche Aufführungssituationen. Eine Gruppe hatte z.B. die Idee, vier Gefühle musikalisch darzustellen, die dann in einem Aufenthaltsraum für Schüler über CDmans mit Kopfhörern abgespielt werden sollten. Die Zuhörer sollten zudem Schlafbrillen anziehen, um sich ganz individuell auf die Musik konzentrieren zu können. An einer anderen Schule entwarfen vier Arbeitsgruppen ein Gesamtkonzept zur musikalischen Gestaltung von acht Kellerräumen. Die Räume wurden in Ying und Yang (entspannt und aggressiv) aufgeteilt, die verwendeten Aufnahmen aus dem Schulalltag wurden nach dramaturgischen Prinzipien einer Bewegungsrichtung des Publikums durch die Kellerräume zugeordnet, und die Räume wurden auch visuell z.B. durch verschiedene Lichtquellen gestaltet. Alle Lehrer und Schüler habe ich als sehr freundlich und aufgeschlossen erlebt. Die Schüler haben mit viel Engagement untereinander und mit mir kooperiert. Im Umgang mit der recht anspruchsvollen Audiosoftware hatten die Schüler kaum Probleme. Etwas aufwändiger war es, sicherzustellen, dass in den jeweiligen Schulen ausreichend Computer mit installierter Software zur Verfügung standen. Mit dem Projekt wurden umfangreiche Themengebiete, künstlerische und technische Fragen berührt. Dafür, dass die Schüler ihre Stücke in technischer und musikalischer Hinsicht völlig ausgereift fertig stellen konnten, war die Zeit manchmal zu knapp. Ich denke und hoffe jedoch, dass die Schüler an ihnen vorher kaum bekannte Klangwelten herangeführt wurden, dass sie Ideen bekommen haben, um kreativ und eigenständig das Material »Klang« am Computer zu bearbeiten und eigene Musikstücke auch jenseits herkömmlicher Formen realisieren zu können. Kirsten Reese Aus dem Watt ins Klanglabor Vier Wochen ist es nun her, seit die Komponistin Kirsten Reese aus Berlin die Schüler der Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog das erste Mal für ein Wochenende besuchte. Die Hermann-Lietz-Schule ist ein Internat. Lehrer und Schüler wohnen auf engstem Raum zusammen, beinahe sind die Lehrer Elternersatz. Sie zahlen das Taschengeld aus und schauen nach, ob die Zimmer aufgeräumt sind. Hier läuft alles etwas lockerer als an anderen Schulen. Mit Verspätung treffen die Schüler ein. Ein Schüler wird als Plenumsleiter gewählt, er befragt die kleinen Arbeitsgruppen nach deren Stand. Sehr individuelle Ansätze lassen sich erkennen. Das geht vom Techno, aus Naturtönen kreiert, über ein mehrstimmiges Geigen-»Solo« bis zum Trommelrhythmus aus elektronisch verzerrten Trommeltönen oder dem Wunsch, Emotionen wie Aggression, Liebe und Trauer durch Klänge auszudrücken. Die Grundidee des Projektes, Töne vor Ort zu sammeln, stand ganz am Anfang. Die Töne wurden aufgenommen und mithilfe von Klangbearbeitungsprogrammen über den Computer elektronisch weiterverarbeitet. Nun geht es darum, bereits Vorhandenes zu optimieren, Ideen weiterzuentwickeln oder zu verwerfen. Was bisher erarbeitet wurde wird vorgespielt und von den Jugendlichen, Kirsten Reese und den beiden Musiklehrer Florian Schlesiger und Frauke Koller nach strenger Diskussionsordnung diskutiert: Bei der Wiedergabe eines Stückes ist der Klang plötzlich verzerrt, es hilft nichts, da muss neu aufgenommen werden. Teilweise streikt entweder die Technik oder das Wissen über die Technik, dafür ist Kirsten Reese Ansprechpartnerin. Manches ist zu trivial, anderes zu umfangreich. Doch gibt es auch schon Überlegungen zur Präsentation der Arbeiten. Dann beginnen die Arbeitsphasen. Die Jugendlichen teilen sich auf mehrere Räume auf, zwei arbeiten auf dem Zimmer, weil da noch ein Computer steht. Aus der Übungszelle kreischt grelle Heavy-Metal-Gitarrenmusik, ein Schrei ertönt – hier wird eindeutig »Aggression« vertont. Im Chemieraum nimmt Sebastian ein Klezmerstück von der Geige auf und legt mehrere Tonspuren übereinander. Jonathan kreiert auf dem Laptop immer neue irreale Klänge aus den ursprünglichen Trommelschlägen. Max studiert seine Tonaufnahme von einer Wanderung ins Wattenmeer und schneidet Störendes heraus. Aus Kims Zimmer tönt Techno aus Akkordeontönen und bekannten Beats. Kirsten Reese wandert von einem Raum zum nächsten, gibt Tipps, erklärt die Eigenheiten der Computerprogramme und überlegt gemeinsam mit Jugendlichen, wie man die Umsetzung noch verbessern könnte. Zum Schluss treffen sich die Gruppen im Plenum, die entstandenen Stücke werden vorgespielt und die Weiterarbeit besprochen. Kirsten Reese sieht zufrieden aus, die Schüler erschöpft. Am morgigen Tag wird das Projekt auf der Insel zum Abschluss gebracht. Eine Präsentation der entstandenen Arbeiten wird es dann zum Tag der offenen Tür geben. Friederike Kohn, Projektorganisation
| |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||