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Wolfgang Rihm: Départ

Départ ist ein circa siebenminütiges Stück für großen gemischten Chor, Sprechchor und 22 Instrumentalisten, davon 6 Schlagzeuger. Wolfgang Rihm hat es 1988 als Auftragswerk für Wien Modern und Claudio Abbado komponiert und es Karlheinz Stockhausen zum 60. Geburtstag gewidmet. Dem Stück liegt das Gedicht Départ aus Les Illuminations von Arthur Rimbaud zugrunde.

Der Sprechchor rezitiert den Text des Gedichts, mal gerufen, mal heiser oder stimmlos gehaucht, zum Teil in extremen Tonlagen oder im Glissando. Der Chor zeichnet, von einigen wenigen gesungenen Wörtern abgesehen, lediglich einzelne Vokalverbindungen nach und unterstreicht so Klang und Farbe der Sprache Rimbauds. Im Hintergrund ein Klanggeflecht, das sich zur Mitte des Stücks hin verdichtet, um dann zum Ende hin wieder durchbrochener und transparenter zu werden; dazwischen unvermittelte Klanghiebe des percussionistisch eingesetzten Orchesterapparats, die eine lineare Klangentwicklung immer wieder abrupt beenden. Melodien klingen nur bruchstückhaft an, um sofort wieder verworfen zu werden. Das Stück wirkt zerklüftet, es dominiert eine energiegeladene, farbige Klangsprache, die nicht zuletzt durch den ungewöhnlich reichen Schlagzeugapparat erzeugt wird.

Das Stück beginnt mit einer durchbrochenen Klangfläche, einem pulsierenden Grummeln, erzeugt von 12 Röhrenglocken und einem tiefen Tomtom, dazu ein Vibrieren der beiden Harfen, vereinzelte Klangereignisse in den Klavieren, einige kaum wahrnehmbare Töne der großen Orgel – erst tief und dumpf im mp, dann extrem hoch und spitz im pp. Zwischendrin fallen abrupte Klanghiebe heraus – ein hohes Bongo, ein hoher Woodblock. Nach dem Einsatz des Chores (T. 19), dessen Klang sich vom stimmlosen H zum A öffnet, dominieren grelle Farben – Trompeten und Posaunen in hohen Lagen, Röhrenglocken, die große Orgel verwendet laut Anweisung „nur scharfe grelle Register“, hohes Schlagwerk (sehr hoher Woodblock, sehr hohes Bongo). In Takt 31 ein heiseres Assez vu, der Klang trübt sich allmählich ein. Trompeten und Posaunen spielen con sordino, tiefe Streicher kommen hinzu, das Schlagwerk wird vielgestaltiger (Woodblock, große Trommel, Tomtom, Buckelgong, Vibraphon, Bongo). Assez eu ruft der Sprechchor dreimal (T. 46), tiefe Blechbläser-, Streicher- und Klavierklänge tauchen den Hintergrund in düstere Farben. Zwischenrein helle Blitze: Klarinetten, Piccolo-Flöte, Vibraphon, Cymbales antiques. Eine farbenreiche Klanggewalt entfaltet sich. Et au soleil (T. 62): Die Instrumentierung dünnt sich langsam aus, der Sprechchor wird schwächer und seufzt im Glissando abwärts et au soleil und et toujours. Die Klaviere, die Kontrabässe und eine Harfe zeichnen die Abwärtsbewegung nach, Entspannung tritt ein. In Takt 65 ein ruhig bewegtes Klangband aus leisen, spröden Flageolett-Tönen in den Streichern, teilweise sul ponticello, dazwischen vereinzelt ricochet, col legno gespielt. Doch das Grummeln in den Tamtams deutet bereits auf den nächsten und stärksten Ausbruch hin, der in Takt 84 im ffff mit breiten Clustern in Klavier und elektrischer Orgel und schrillen hohen Bläsern über den Hörer hereinbricht. As-sez con-nu – Chor und Sprechchor meißeln die einzelnen Silben in den instrumentalen Klangblock. Die entfesselte Klanggewalt entwickelt sich weiter, bis sie in Takt 89 abrupt abbricht. Von dieser Stelle an beruhigt sich das Stück. Der Satz wird durchbrochener, transparenter. Immer wieder baut sich ein Klanggefüge auf, verdichtet sich, um dann wieder abzubrechen – wie ein immer kraftloser werdendes Aufbäumen. Der Sprechchor haucht den Beginn des letzten Verses: Départ (T. 115), und ein weicher, warmer Klang entfaltet sich. Der Ton der Piccoloflöte blüht auf, das Blech spielt dolce im pp, die große Orgel spielt im weichen Flötenregister, ein zarter Chorklang entfaltet sich auf dem Vokal A. Ein unvermittelter „Stopschlag“ in Sprechchor und großer Trommel zerreißt den Klangteppich, gefolgt von einer Generalpause. Der Klang setzt wieder an, der Sprechchor spricht l’affection im Glissando abwärts, dann ein weiterer Stopschlag. Der Sprechchor stößt die letzten vereinzelten Silben des Gedichts aus: et le bruits neufs, ein letzter entfernter Klang der elektrischen Orgel und des Klaviers, einige verhaltene Trommelschläge (pp, mit weichem Schlägel). Zum Schluss die Frage einer einzigen Frauenstimme: Départ -, bevor das Stück mit einigen letzten kurzen Akzenten im Schlagwerk endet.

Johannes Voit




Letztes Update 03.10.2006 | Copyright© Johannes Voit 2006 | Seite drucken: Wolfgang Rihm: Départ | Seite einem Freund senden: Wolfgang Rihm: Départ

 

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